Als festangestellter Kapellmeister beim Fürsten Esterházy waren viele Kompositionen Haydns natürlich "anlassbezogen". Ein Beispiel ist die "Sinfonie in D", die der Musikwissenschaftler Hoboken als Nr. 70 auflistet. Entstanden im Jahr 1779, wurde sie zur Grundsteinlegung des neuen Opernhauses auf Schloss Esterháza uraufgeführt, nachdem das alte Theater einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen war.
Verschiedenes macht diese Sinfonie besonders. Zum einen ist es eine recht "kompakte" Sinfonie, die - flott gespielt - kaum 20 Minuten dauert und damit zu den kürzesten unter den über 100 Sinfonien Haydn gehört. Besonders ist sie auch, weil es schwierig ist zu entscheiden, ob sie in D-Dur oder d-Moll komponiert ist, denn Haydn behandelt beide Tongeschlechter geradezu gleichwertig, was für die damalige Zeit auch eher ungewöhnlich war.
Ohne Einleitung beginnt diese Sinfonie direkt mit einem spritzigen, fast ungeduldigen Fanfare im Dreivierteltakt, einstimmig vorgetragen von allen Instrumenten. Und doch ist der mit "Vivace con brio" betitelte Satz gleichzeit eine Musik, die im wahrsten Sinne des Wortes "mit Feuer" ist und mit ihrem nach vorne drängenden Art sofort eine festliche, helle Atmosphäre im Saal verbreitet. Und wenn es eines Beweises bedarf, wie wenig Material Haydn für ein solches Feuerwerk benötigt, dann ist es dieser Satz, denn alles findet sich schon in den ersten beiden Tönen der einleitenden Fanfare wider.
Ganz anders hingegen der langsame zweite Satz, der als "Andante" sehr ernst und fast ein wenig "gelehrt" daherkommt als "in der Art eines Canons mit doppeltem Kontrapunkt in der Oktave". Doch keine Sorge: Was auf dem Papier nach trockener Mathematik klingt, entfaltet im Ohr eine melancholische, fast hypnotische Eleganz. Haydn präsentiert zwei Themen, die wie in einem Dialog zueinander gleichzeitig erklingen. Das Besondere ist, dass diese scheinbar eigenständigen Melodien auch dann noch miteinander funktionieren, wenn sie gegeneinander ausgetauscht und dabei sogar noch gespiegelt werden, ohne dass harmonische Fehler entstehen. Dazu präsentiert Haydn eine Vielzahl reizvoller Umspielungen, die sich wie glitzernde Perlenketten an den Melodien entlangfließen und den Satz so zu einem Geniestreich werden lassen..
Nach einem rustikalen Menuett, in dem Haydn wie so häufig seine ländlich-leichte Seite zeigt, folgt ein Finale, das Haydns Sinn für Humor perfekt zusammenfasst. Er beginnt mit einer Art Einleitung leise, fast verschwörerisch mit fünf repetitiven Tönen in den 1. Violinen (ein Motiv, das in seiner Banalität fast nicht mehr zu übertreffen ist), beantwortet von einer kleinen harmonischen Antwort der gesamten Streichergruppe. Fast schon ungeduldig-genervt fallen zwischendurch die Bläser im forte in dieses seltsame Spiel ein, wovon sich die Streicher aber nicht beirren lassen.Dann aber zündet Haydn ein musikalisches Feuerwerk, das selbst unter den anderen Sinfonien Haydns einzigartig ist. So entwickelt Haydn das "repetitive Motiv" vom Anfang nicht nur zu einem Thema weiter, welches den ganzen Satz beherrschen wird, sondern er gibt diesem Thema drei (in Zahlen: 3) weitere eigenständige Themen und Motive bei, die das Hauptthema bis zum Ende begleiten werden.
Aber die Art, wie Haydn dieses macht, ist geradezu genial. Während die Streicher im Wesentlichen den Satz durchgehend gestalten, ergänzt er sie in immer neuen Kombinationen von Bläsern, so dass sich wie in einem Kaleidoskop immer neue (Klang-)Farben zu bilden scheinen. Das ist insofern beachtlich, als er damit eine Technik verwendete, die in dieser Weise erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Schönberg-Schüler Anton Webern aufgegriffen wurde für seine Orchestrierung einer Bach-Fuge. Doch damit nicht genug: Haydn zerlegt die vier Themen in teils eintaktige Fragmente und verteilt diese scheinbar willkürlich über die verschiedenen Instrumente, ohne dass dabei die jeweilgen Melodien aber unterbrochen werden. An einer anderen Stelle lässt er das erste Thema gleich zweimal erklingen, aber um einen halben Takt versetzt. So entsteht ein wilder Wirbelsturm von Tönen, in den die Hörner immer wieder ihr ordnendes Signal hineinwerfen. Auf geradezu geniale Weise schaft es Haydn damit, eine vordergründige „Gelehrsamkeit“ (in Form einer strengen Fuge) in pure Spielfreude zu verwandeln.
Die Sinfonie Nr. 70 ist kein schwerfälliges Monumentalwerk, sondern ein brillantes Beispiel für Haydns Fähigkeit, höchste Kompositionskunst in ein Gewand aus Leichtigkeit und Witz zu kleiden. Sie ist ein Werk, das den Hörer zudem mit einem Lächeln und einem überraschenden Ende entlässt.
